Mobile Industrieroboter – Neue Norm

Traditionelle Industrieroboter und Cobots sind normalerweise fest am Boden fixiert. Durch Montage der Roboter auf einer mobilen Plattform entsteht jedoch ein sogenannter IMR (Industrial Mobile Robot). Dadurch eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten. Zum Beispiel können Beschickungs- und Entnahmeaufgaben an Maschinen und Fertigungslinien gleichzeitig mit Transport- und Kommissionieraufgaben verknüpft werden. Durch die Möglichkeit von schnellen Anpassungen an geänderte Layout-Bedingungen steigt zudem die Flexibilität. Jedoch stellt diese neue Technologie auch den Arbeitsschutz vor neue Herausforderungen.

Bild: Umb/Kuka/Heller

Neue Norm ISO 26058-1 soll Lücke füllen

Da mobile Industrieroboter zu den Maschinen zählen, sind die technischen Mindestanforderungen für die EU in der Maschinenrichtlinie bzw. ab Januar 2027 in der Maschinenverordnung festgelegt. Weitergehende spezielle Anforderungen sind normalerweise in Normen festgelegt. Leider existiert aber bis heute keine eigene Norm für IMR. Hersteller und Anwender müssen sich damit behelfen, die technischen Anforderungen aus zwei Normen zusammenzusetzen:

  • Für die mobile Plattform EN ISO 3691-4:2023. Diese Norm gilt eigentlich für sogenannte fahrerlose Flurförderzeuge (auch AGV), kommt aber derzeit auch bei mobilen Robotern zur Anwendung.
  • Für den robotischen Teil EN ISO 10218-1:2025 und EN ISO 10218-2:2025. Diese bekannten Normen für Industrieroboter kommen seit vielen Jahren für alle Bauformen von Industrierobotern zur Anwendung (Knickarmroboter, Linearroboter, Scara-Roboter etc.)

Um den Normenanwendern spezielle auf IMR zugeschnittene Anforderungen bereitzustellen, wurde das neue Normenprojekt ISO 26058-1 (Sicherheitsanforderungen für mobile Industrieroboter) aufgesetzt. Ein Einblick in die ersten Entwurfsdokumente dieser Norm zeigt folgendes:

Typische mechanische Risiken von IMR sind z.B. Anstoßen, Einklemmen zw. IMR und Umgebung, Herabfallen von Gegenständen, Eingezogen werden, Überfahren werden. Wie für Maschinen gesetzlich gefordert, müssen die Risiken in einer Risikobeurteilung analysiert und bewertet werden sowie entsprechende Schutzmaßnahmen abgeleitet werden. Eine der häufigsten Schutzmaßnahmen zur Absicherung dieser Risiken ist die Anwendung von optischen Schutzeirichtungen wie z.B. Laserscannern. Durch diese Schutzeinrichtungen werden die gefahrbringenden Bewegungen eines IMR bei Annäherung einer Person sofort stillgesetzt.

Bei einfachen fahrerlosen Flurförderzeugen kann zur Berechnung der entsprechenden Sicherheitsabstände die jeweilige Fahrgeschwindigkeit ausreichend sein. Sind auf der mobilen Plattform aber Roboter installiert, kann es zu gleichzeitigen Bewegungen von mobiler Plattform und Roboter kommen. Dadurch wird die Berechnung der Sicherheitsabstände aufwendiger. Sind auf der mobilen Plattform zudem kollaborierende Roboter installiert, gelten weitere Normen, z.B. ISO PAS 5672 oder ISO/TS 15066.

Der Performance Level (PL) oder Safety Integrity Level (SIL) für die sicherheitsbezogenen Steuerungen von IMR soll nach aktuellem Stand durch eine Matrix, ähnlich dem bekannten Risikographen nach EN ISO 13849-1 festgelegt werden.

Wann ist mit der Veröffentlichung von ISO 26058-1 zu rechnen?

  • Dezember 2026: CD-Umfrage Veröffentlichung und Stellungnahme eines Committee-internen Entwurfs (CD)
  • Dezember 2027: DIS-Umfrage. Dieser Entwurf wird der Öffentlichkeit vorgestellt.
  • September 2028: Veröffentlichung der finalen ISO 26058-1

Derzeit gibt es noch Abstimmungsbedarf zwischen ISO/TC 110 (Industrial Trucks) und ISO/TC 299 (Robotics) hinsichtlich der technischen Abgrenzung von IMR und fahrerlosen Flurförderzeugen. Seitens des ISO/TC 299 WG 14 wird angestrebt, die künftige ISO 26058-1 als harmonisierte EN-Norm nach Maschinenverordnung zu listen.

Die künftige ISO 26058-1 gilt nicht für humanoide Roboter.

Fazit

Mobile Industrieroboter können die Sicherheit in der Produktion verbessern, indem sie schwere ergonomische Tätigkeiten übernehmen. Zudem kann die Navigation von IMR gegenüber Staplerfahrern sicherer sein, da menschliche Fahrfehler weitestgehend vermieden werden. Die Risiken von IMR müssen in einer Risikobeurteilung analysiert und bewertet werden und es müssen entsprechende Schutzmaßnahmen abgeleitet werden. Sichere Sensorik und Steuerungstechnik sind Voraussetzung für eine flexible Interaktion von Mensch und Maschine.

Nach oben scrollen